Internationaler Tag der biologischen Vielfalt

Die bunte Vielfalt der „Wilden Weide“ am Winderatter See – vom Wirtschaftsacker zum Hot Spot der Artenvielfalt


Heute ist der Internationale Tag der biologischen Vielfalt. Um die Vielfalt von Flora und Fauna ist es weltweit schlecht bestellt. Der Rückgang der Arten ist auch in Deutschland und Schleswig-Holstein alarmierend. Angesichts der rückläufigen Bestände in der Tier- und Pflanzenwelt spielt in Schleswig-Holstein das Stiftungsland – die Flächen der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein – eine besondere Rolle. Dessen Vielfaltschützer haben einen bunten Strauß von Konzepten entwickelt, sich dem Artensterben in der schleswig-holsteinischen Kulturlandschaft entgegenzustemmen. Ein bundesweit Beachtung findendes Pflegekonzept der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein sind die sogenannten „Wilden Weiden“, im Fachjargon auch „Halboffene Weidelandschaften“ genannt. Und: Das Konzept funktioniert – die Artenvielfalt in diesen Gebieten sucht ihresgleichen. Ein Beispiel dafür ist das Stiftungsland Winderatter See südöstlich Flensburg.

Konzept

Wilde Weiden – das sind große, weite Landschaften, in denen robuste Rinder, Pferde und Schafe wild weiden. Extensiv mit geringer Besatzdichte: 0,3 Tiere pro Hektar. In der intensiven Landwirtschaft müssen sich acht Tiere einen Hektar teilen. Die Tiere auf den Wilden Weiden der Stiftung Naturschutz leben im natürlichen Familienverband: Kühe, Kälber und Bullen bilden eine Herde. Sie ziehen frei über die Flächen und wählen ihre Fress- und Ruheplätze im Tages- und Jahresverlauf frei aus. Die Flächen werden nicht gedüngt und maschinell gepflegt. So entsteht ein Mosaik aus offenen Grasfluren, Gebüschen und Bäumen. Die Herden sind meist das ganze Jahr über, also auch im Winter auf den Flächen, kennen kein periodisches Leben im Stall. Zusätzliches Futter bekommen sie nur in Notzeiten, z.B. im Winter bei einer hohen, geschlossenen Schneedecke.

Die Stiftung Naturschutz hat zahlreiche dieser faszinierenden Weidelandschaften in Schleswig-Holstein geschaffen, so viele wie in keinem anderen Bundesland. Hier lässt sich die Schönheit einer abwechslungsreichen Landschaft in vollen Zügen genießen, denn in vielen der Weideflächen sind Besucher herzlich willkommen.

Wilde Weide Winderatter See

Zu den sehenswertesten Wilden Weiden der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein gehört auch das Stiftungsland Winderatter See. Hier hat die Stiftung zusammen mit dem betreuenden Förderverein „Winderatter See – Kielstau“ mit Willfried Janßen als treibender Kraft und der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Schleswig-Flensburg in den vergangenen einen bunten Strauß von Naturschutzmaßnahmen in Angriff genommen. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten: Die kuppige Landschaft rund um den besticht durch seine große naturräumliche Vielfalt auf engstem Raum: Der See mit seinen Verlandungs- und Ufersäumen, Knicks, Talhängen mit Sickerquellen, Weiden und über 70 wiederhergestellten oder neu angelegten Kleingewässern hat ein ganz besonderes Arteninventar zu bieten.

Pflanzen

Denn die Vierbeiner, durchweg robuste Galloways, sorgen das Ganze Jahr – auch im Winter, quasi als Ökorasenmäher dafür, dass hier über 300 Pflanzenarten ein neues Refugium gefunden haben. Dazu gehören so seltene Rote Liste, wie Pillenfarn, Tausendgüldenkraut, Breitblättriges und überaus seltene Pilzarten. Unter dem Einfluss der extensiven Beweidung hat sich in den offenen Bereichen zudem eine deutlich größere Artenvielfalt an Gräsern und Kräutern entwickelt als im intensiv genutzten Dauergrünland. Auf den trockenen, sandig-kiesigen Kuppen fällt das starke Wachstum von  Platterbsen, Wicken und niedrigen Kleearten auf. Offensichtlich ein Zeichen oberflächlicher Aushagerung von Stickstoff. Massenbestände von Brennnesseln und Acker-Kratzdisteln sind stark zurückgegangen.

Amphibien

Frei von schattenspendenden Gehölzen sind auch die zahlreichen im Laufe der Jahre angelegten Tümpel für Amphibien. Davon profitieren vor allem europaweit geschützte Laubfrösche und Rotbauchunken, die in den sich so schneller erwärmenden Laichgewässern optimal fortpflanzen können. Vor fast dreißig Jahren erloschen, ist es der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein zusammen mit der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Schleswig-Flensburg gelungen, den Laubfrosch wieder anzusiedeln. Heute findet sich dort eine der größten Population Schleswig-Holsteins.

Vogelwelt

Aber auch die Vogelwelt profitiert von der Pflege der Lebensräume durch die Robustrinder. Selten in Schleswig-Holstein anzutreffende Arten, wie Neuntöter, Bluthänfling und Dorngrasmücke, gehören hier im Norden Angelns wieder zu den regelmäßig zu beobachtenden Raritäten. In den Bruchwaldbereichen  schmettern Sprosser ihre melancholischen Lieder. Insgesamt sind für das Stiftungsland Winderatter See über 100 Vogelarten nachgewiesen, davon 68 Arten als Brutvögel (2014). Die Anzahl der Brutpaare stieg im Vergleich zu der Erhebung von 2004 um 64 Prozent. Das ist ein deutliches Spiegelbild der dynamischen Landschaftsentwicklung.

Daneben tummeln sich hier Schmetterlinge, wie Hauhechelbläuling oder Grünwidderchen, Fledermäuse und Libellen. Sie alle  profitieren von dem bunten, ineinander verwobenen Mosaik der unterschiedlichsten Lebensräume, das durch die ganzjährige Beweidung entsteht.

Tipp für Besucher

Eine nicht ausgezäunte Wanderstrecke umrundet den See und führt zum Teil direkt über die Weideflächen und auf einem Steg durch den Bruchwald am Abfluss des Sees. Unterwegs gibt es zwei Picknickplätze. Hunde sollten unbedingt angeleint sein.

Treffpunkt: Eingang ins Stiftungsland bei Hüholz. Wegbeschreibung: Vom Winderatter Weg zwischen Ausacker und Winderatt an der Kreuzung Hüholz/Hüholzer Weg nach Norden in Richtung See abbiegen und den Wirtschaftsweg bis zum Ende durchfahren.