Knuffiges Kerlchen mit dickem Pelz

Jahrelang galt der Fischotter in Schleswig-Holstein als fast ausgestorben – jetzt ist der wendige Schwimmmeister mit dem dichten Pelz zurück

  • Fischotter, Foto: Libor Sejna

  • Fischotter, Foto: Henrike Hoffmann

  • Fischotter, Foto: Henrike Hoffmann

  • Fischotter, Foto: Henrike Hoffmann


Kugelrunde Knopfaugen, treuer Blick und widerspenstige Barthaare: der Fischotter ist nicht nur schön anzusehen. Er ist DAS Landraubtier der absoluten Superlative: er legt pro Tag beziehungsweise Nacht rekordverdächtige Strecken von 30 bis 40 Kilometer zurück,  schwimmt im Vergleich zu anderen Säugetieren medaillenverdächtig schnell, stellt jeden Apnoe-Tauch-Profi und Weltrekordler mit seinen acht Minuten-Tauchgängen in den Schatten und noch etwas dürfte viele Menschen vor Neid erblassen lassen: seine Felldichte beträgt 50.000 Haare pro Quadratzentimeter. Zum Vergleich: wir schaffen es gerade mal auf 300 bis maximal 900 Haare pro Quadratzentimeter. Und der schönste Rekord: Er hat es geschafft. Er ist zurück in seiner alten Heimat: Schleswig-Holstein. Gekommen, um zu bleiben.

Wenn alles schläft, bleibt einer wach…

In der Dunkelheit der Nacht, auf leisen Pfoten durch das verästelte Dickicht, entlang der Ufersäume oder lautlos paddelnd durch die vielen Seen und Flüsse in Schleswig-Holstein hat er es nach Jahren des Fortbleibens endlich geschafft. Er ist wieder da – auch im Stiftungsland! Der erste Beweis gelang Arne Drews vom Landesamt für Landwirtschaft, Natur, Umwelt und ländliche Räume vor gut 20 Jahren. Der passionierte Artenschützer erinnert sich genau. „Es war ein Totfund an einer Tankstelle in Preetz. Dort haben wir nach vielen Jahren ohne jegliche Spur einen toten Fischotter gefunden. Das war der erste zaghafte Hinweis darauf, dass er zurückkehrt.“ Unglaublich, aber wahr. Jahrelang hatte der Biologe an den fast 700 Kontrollpunkten vergeblich gesucht – nicht eine Spur. „Das war sehr frustrierend“, erinnert er sich. Anfang der 90er Jahre dann der Befreiungsschlag und der Beweis dafür, dass es ihn hier bei uns wieder gibt.

Comeback der Fischotter

Das richtige „Comeback der Fischotter“, die Rückkehr eines der in Europa am stärksten gefährdeten Säugetiere, begann dann erst Ende der 1990er Jahre. In diesen Zeiten entdeckte der Fischotter-Experte Drews immer häufiger die  Hinterlassenschaften des Otters. Während Hundehaufen und Katzenkot – egal wo – ein absolutes Ärgernis darstellen, versetzt das durch Fischgräten und -schuppen unverwechselbare große Geschäft des Fischotters Biologen nahezu in frenetische Freude. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Kot-Reste voller Fischgräten und –schuppen sind – neben den weitaus traurigeren Totfunden – der sicherste Nachweis für den Fischotter. „Die Tiere ziehen klare Reviergrenzen und nutzen zum Markieren gern markante Stellen in der Landschaft, wie Baumstämme im Wasser, große Steine aber auch Bauwerke und Brücken oder Zusammenflüsse von  Gewässern“, erklärt Drews.

An den Kartierpunkten, die wie ein Netz über ganz Schleswig-Holstein liegen, haben der Artenschützer und seine Kartier-Kollegen eine Trefferquote von über 50 Prozent. Das bedeutet: die Art ist wieder weit verbreitet. Aktueller Status: Rote Liste 2 - heißt: stark gefährdet, aber immerhin nicht mehr vom Aussterben bedroht.  Arne Drews wagt eine positive Trendprognose: alle fünf Jahre werden die 700 Punkte über die Wintermonate kontrolliert. „Wir gehen derzeit davon aus, dass wir bei der nächsten Kartierung die 70 Prozent erreichen. Das bedeutet: der Fischotter ist sicher wieder Zuhause.“

Ein Zuhause im Stiftungsland  

Arne Drews vermutet in etwa 200 Fischotter im Land zwischen den Meeren Nord- und Ostsee. Überall hat er in den vergangenen Jahren Kot und Pfotenabdrücke der scheuen Marderart gefunden. Auch im Stiftungsland der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein fühlt er sich wieder wohl und ist häufiger anzutreffen, weil dort die besten Lebens- und Überlebensbedingungen herrschen. „So stattete er dem Stiftungsland Ahrensee/Westensee, dem Eidertal und der Wennebeks Au im Kreis Rendsburg-Eckernförde nachweislich einen Besuch ab“, sagt Sophie Desaga, Maßnahmen-Managerin der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Auch im Kreis Plön konnten die Biologen sein ‚Dagewesen-Sein’ durch Kot und Pfotenspuren belegen und zwar gleich an vier Stellen: im Stiftungsland Kossautal, im Stiftungsland Kührener Teiche und auch im Stiftungsland Sehlendorfer Binnensee, sowie dem Suhrer See. Auch im Kreis Dithmarschen, früher einer seiner Lieblings-Lebensräume, am Kudensee und in der Miele-Niederung stimmen die Bedingungen offenbar wieder für den einsamen Fischräuber. „Diese vielen, erfreulichen Nachweise in Schleswig-Holstein sprechen eine deutliche Sprache: die Wasserqualität hat sich deutlich verbessert, die Kleinstlebenwesen und Fische sind zurückgekommen und mit den Fischen dann letztlich und nach und nach auch der Fischotter“, sagt Dr. Björn Schulz, ebenfalls Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. „Aller Anfang war schwer“, erinnert sich der promovierte Agrarökologe.

Wie es ihm gefe(ä)llt 

Inmitten des immer grauer werdenden Meeres aus Beton und Teer, Bauten und Straßen, Brücken und Tunnel müssen wieder mehr grüne Oase entstehen. Ein Zuhause für die vielen bedrohten Tiere und Pflanzen. Das ist einer der Hauptaufträge der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. „Wir wollen eine grüne Infrastruktur schaffen. Die Lebensräume der verschiedenen Individuen mit ihren ganz unterschiedlichen Bedürfnissen müssen sich wie eine Perlenkette durch das Land ziehen und es möglich machen, von der einen Perle problemlos zur nächsten zu gelangen“, sagt Dr. Walter Hemmerling, Geschäftsführer der Landesstiftung – mit knapp 36.000 Hektar immerhin Großgrundbesitzerin im nördlichsten Bundesland. „Das Bewusstsein für die verloren gegangene Vernetzungsstruktur musste“, ergänzt Dr. Björn Schulz, „erst wieder mühsam geschaffen werden.“ Das bedeutet im konkreten Fall des Fischotters, dass die Straßenbauer im Land lernen mussten, dass beispielsweise beim Brücken-Bau und dem Autobahn-Ausbau auch für den bedrohten Marder mitgedacht wurde. Der Fischräuber schwimmt nicht unter Brücken hindurch, sondern steigt aus dem Wasser aus und läuft am liebsten am Ufersaum entlang. Gibt es kein Ufer, nimmt er den Weg oben herum, über die Brücke und das ist oft sein sicherer Tod als Verkehrsopfer durch Überfahren. Es mussten also breitere Brücken und Tunnel her und Zäune entlang der Brücken, die verhinderten, dass er die Straßen überquerte und unter die Räder kam. Aber damit nicht genug: auch rechts und links der Straßen musste die Landschaft für den Fischotter und mit ihm für viele andere Lebewesen attraktiver gemacht werden. Monotone Maisäcker wurden zu blühenden Landschaften mit Teichen und geeigneten Verstecken für den Fischotter.

Geschafft! Er ist zurück in seiner alten Heimat: Schleswig-Holstein. Gekommen, um zu bleiben!

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