Ein grauweißer Vogel gaukelt im Wind, schlägt einen Haken und lässt sich plötzlich fallen. Gleich darauf fliegt er zielstrebig mit einem kleinen Bündel in den Krallen weiter. Das Kornweihenmännchen ist nahe der Eider unermüdlich auf der Jagd nach Mäusen. Denn nicht weit entfernt üben zwei braun gefärbte Jungvögel zu fliegen und warten hungrig auf die Rückkehr ihrer Greifvogeleltern mit Nahrung.
Die Brut gleich mehrerer dieser äußerst seltenen Vögel in Schleswig-Holstein ist eine Sensation und geht gegen den Trend. Ihr Bestand wird in ganz Deutschland auf nur noch fünf bis zehn Brutpaare geschätzt – mit stark abnehmender Tendenz. Beinahe unbemerkt haben in den letzten Wochen fünf Paare erfolgreich im Röhricht der großen Moor- und Niederungslandschaft zwischen Eider, Treene und Sorge gebrütet. Neun Jungvögel wurden flügge und sind ausgeflogen.
Naturschutz-Arbeit zahlt sich aus
Entdeckt wurde das erste Paar zufällig während einer botanischen Kartierung auf Flächen der Stiftung-Naturschutz Schleswig-Holstein. „Jedes Jahr überwintern bei uns Kornweihen, die zur Brut aber weiter nach Skandinavien ziehen. Aufgefallen ist zuerst die typische Beuteübergabe in der Luft vom Männchen an das Weibchen. Da schlägt das Herz gleich etwas schneller, denn das machen Kornweihen so meist nur in der Nähe ihres Brutplatzes“ berichtet Paul-August Schult, Landschaftsökologe der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein begeistert.
Es folgte eine gezielte Suche in den geeigneten Brutlebensräumen der Region. Das Ergebnis: Insgesamt acht Kornweihen-Paare hielten sich dort auf. Das zeigt die besondere Bedeutung der großen und ungestörten Moore. Jahrzehntelange Bemühungen der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein für den Schutz dieser einzigartigen Landschaft zahlen sich aus. Sie haben durch die Vernässung der Moore und extensive Nutzung von Wiesen und Weiden hervorragende Voraussetzungen für die seltenen Greifvögel geschaffen.
„Die Brut gleich mehrerer Paare der Kornweihe unterstreicht die nationale Bedeutung der Eider-Treene-Sorge-Niederung für den Naturschutz“ sagt Ornithologe Jonas Kotlarz von der staatlichen Vogelschutzwarte Schleswig-Holstein im Landesamt für Umwelt. „Die Kornweihe ist eines der großen Sorgenkinder unter den deutschen Brutvogelarten. Sie ist bei uns nahezu verschwunden und ihr Bestand steht in der Bundesrepublik kurz vor dem Aussterben“. Kotlarz war an der Suche beteiligt und freut sich sichtlich über die Entwicklung.
Jahr mit vielen Mäusen begünstigt Bruterfolg
Das Jahr 2026 ist ein besonderes Jahr für den Vogelschutz in den großen Niederungen des Landes. Durch den Schnee im Winter hat sich die Mäusepopulation stark entwickelt. Die kleinen Säugetiere konnten sich durch die weiße Decke geschützt vor Nässe, Kälte und Beutegreifern sehr gut vermehren. Sie sind ein wichtiges Puzzleteil der Nahrungskette und fördern den Bruterfolg der Greifvögel und Eulen. So kann es sein, dass sich wegen des reich gedeckten Tisches mehr Kornweihen für eine Brut bei uns entschieden haben. Auch Wiesenvögel wie Kiebitze und Brachvögel profitieren von den vielen Mäusen. Ihre Küken werden weniger gefressen, da mit den Mäusen eine ideale Nahrungsquelle für Beutegreifer zur Verfügung steht.
Die Kornweihen zeigen, wie wichtig der Schutz großer und zusammenhängender Lebensräume wie der Eider-Treene-Sorge-Niedrung ist. Ihre Brut bestätigt den Erfolg der Naturschutzarbeit. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob diese Charakterart der Moore wieder dauerhaft unsere Landschaft bereichern kann.
