Geneigte Leserschaft,
Lorenz hat nun die äußerst schwierige Aufgabe bekommen, den Blog für die vergangene Woche zu schreiben. Ich bin Lorenz – und deshalb habe ich ein Problem...
Nicht, weil es eine blöde Woche war, sondern weil mir die vergangenen fünf Tage eher wie fünf Monate vorkommen. Es ist so viel passiert, und ich könnte mit aller Zeit der Welt nicht alles angemessen erzählen – so, wie die Ereignisse es verdient hätten. Zumal sitze ich an diesem Freitagabend im RE1 Richtung Aachen, da ich dieses Wochenende auch noch meinen Umzug überstehen muss. Ihr könnt euch also ungefähr vorstellen, wie es in meinem Kopf aussieht.
Nichtsdestotrotz werde ich es trotzdem versuchen: Ich hoffe, ihr verzeiht, wenn ich in diesem Eintrag auf eine exquisit-akademische Sprache und weitere Auto-Kosenamen verzichte.
Des Weiteren werden hier viele Namen (von Menschen) auftauchen, denen wir auf dem Seminar begegnet sind. Ich werde versuchen, diese immer kurz vorzustellen – aber auch hier gilt: Wenn ich sie so vorstellen würde, wie es jede*r Einzelne verdient, dann könnte ich auch einen Roman schreiben.
Montagmorgen
Am Montagmorgen wachte ich verfrüht auf, weil mein Handy mich mit einer Nachricht weckte: Ein Baum lag auf den Schienen vor dem Kieler Hauptbahnhof, und in absehbarer Zeit fuhr kein Zug ab. Wir mussten also improvisieren und früher los als geplant.
Wir? – Ja, Anna und ich hatten uns für die Anreise mit den FöJtis vom BNUR verabredet. Da es nicht alle früher geschafft haben, haben wir solidarisch den Schienenersatzbus verpasst und auf die Schnelle eine herkömmliche Busverbindung organisiert. Danach verlief die Reise mehr oder weniger ereignislos. Je länger wir unterwegs waren, trafen wir mehr Menschen, die verdächtig viel Gepäck hatten und es beschlich uns der Verdacht das diese Personen auch zum Koppelsberg unterwegs waren.
Unsere Gruppe startete mit ca. sechs Leuten am Kieler HBF, am Bahnhof Plön waren wir schon weit über 20 junge Menschen, die einen Bus überfluteten. Später am Koppelsberg gab es erst mal ein gigantisches Kuddelmuddel: Anmeldung und Begrüßung in der großen Halle, wo wir noch viel Zeit verbringen sollten. Nach ein bisschen Orga konnten wir in die Mensa gehen und uns den Bauch vollschlagen.
Da wir ungefähr 160 oder mehr FöJler*innen auf dem Koppelsberg waren, hatte man uns im Vorhinein in Seminargruppen aufgeteilt. Anna und ich wurden in die gelbe Gruppe gesteckt, die aus Menschen bestand, die alle in Kiel oder nächster Nähe stationiert sind – nur so für den Kontext.
Nach dem Mittagessen war unsere erste Seminargruppenzeit, und wir saßen das erste Mal mit der gelben Gruppe zusammen. In diesem Moment kannte ich in dieser Gruppe von ca. 25 Leuten vielleicht drei Gesichter – eines davon war Annas. Im Nachhinein ist mir mindestens die Hälfte der Gruppe stark ans Herz gewachsen. Dazu aber später mehr.
Da die ganze Orga, Zimmerverteilung und das Rumgewusel recht viel Zeit in Anspruch nahmen, gab es bald Abendbrot (ja, es gab wirklich nur Brot), und danach sind wir zum Lagerfeuer runter an den See gegangen. Der See war ca. zwei Minuten zu Fuß entfernt, und die Lagerfeuerstelle lag quasi direkt am Wasser.
Ich weiß tatsächlich nicht mehr genau, was an dem Abend noch passierte, aber Anna und ich lernten unsere Zimmernachbarn kennen. Wir waren in einem 6er-Zimmer untergebracht. Neben uns gab es noch Amelie, Lea, Amy, Tino – und eben Anna und mich.
Dienstag
Am Dienstag hatten wir – neben den üblichen Dingen wie Seminarzeit mit Energizern, Frühstück und warmem Mittagessen – die Möglichkeit, zum Markt der Möglichkeiten zu gehen. Dort gab es allerhand kleinere Infostände über Dinge und Aktionen, die für uns FöJler*innen interessant sein könnten. Dort habe ich auch mehr über das Sprechiwesen in Erfahrung bringen können.
Das Sprechiwesen ist eine ehrenamtliche politische Vertretungsarbeit für das FöJ in Schleswig-Holstein. Das Ganze gibt es natürlich auch auf Landesebene – und eine Ebene weiter auch auf Bundesebene.
Für den Dienstagabend kann ich tatsächlich gar nicht sagen, was die gute Anna so getrieben hat, da ich ein bisschen alleine von Menschengruppe zu Menschengruppe gestolpert bin. Auf meinen kleinen Abenteuern sind Dinge passiert wie:
– vor Lachanfall beim Wizard-Spielen beinahe sterben
– Schokolade verschwinden lassen
– Leute beim Werwolf-Spielen erschrecken
Also jede Menge Unsinn – und viel Spaß.
Später ging es dann für mich ans Lagerfeuer, wo ich aber niemanden fand, der zu mir gehörte. Nach einigen neuen Bekanntschaften war ich also reif fürs Bett.
Fledermauswanderung & Mittwoch
Irgendwann – ich weiß nicht, ob Montag, Dienstag oder Mittwoch – haben wir auch eine Fledermauswanderung gemacht. Dabei hatten wir Geräte, die die Hochfrequenz-Töne der Fledermäuse in für uns hörbare Frequenzen „übersetzten“. So konnten wir die Fledermäuse hören und die verschiedenen Arten anhand ihrer Rufe unterscheiden.
Dazu gab es natürlich eine sehr freundliche Leiterin, die uns alles zeigte und viel über die kleinen Säugetiere erzählen konnte.
Das Highlight am Mittwoch war definitiv das gemeinsame Baden im Plöner See. Es war recht kühl, und es hat viel Überredungskunst gebraucht, mich ins Wasser zu bringen – aber es war wirklich toll und eine der schönsten Erinnerungen dieser Woche.
Inhaltlich erarbeiteten wir die ganzen W-Fragen für die nächsten Seminare. Diese sollten wir selbst planen und organisieren, und es gab dementsprechend viel zu besprechen.
Ansonsten Stand der Mittwoch ganz im Zeichen der Workshops. Ich wählte den Workshop Kochen ist politisch und YEAH yeah Musik.
Im ersteren haben wir aus Kräutern, die überall auf dem Koppelsberg wachsen und allgemein als Unkraut verschrien sind, ein sehr leckeres Pesto gezaubert.
Im Musik-Workshop entwickelte ich mit meiner Untergruppe einen weiteren FöJ-Tanz. Diese Tänze sind recht einfach zu merken, aber ziemlich energetisch. Das Ganze kann man sich etwa so vorstellen: 180 Menschen stellen sich auf einer Fläche auf – meistens im Kreis – und eine Bluetooth-Box wird in die Mitte gestellt. Dann wird der Song abgespielt, und alle tanzen synchron den FöJ-Tanz.
Donnerstag – das große Dinner
Am Donnerstag kehrte dann langsam Ruhe ein. Wir reflektierten die Workshops und Ereignisse, schrieben Briefe an uns selbst – und am Abend gab es ein weiteres Highlight: das Dinner!
Für dieses Dinner hatten sich alle ca. 180 FöJtis auf verschiedene „Workshops“ aufgeteilt, um ein Drei-Gänge-Menü mit Entertainment-Programm und passender Deko zu organisieren. Es gab also den Hauptgang-WS, den Nachtisch-WS, den Deko-WS, den Konversations-WS, den Theater-WS und noch ein paar weitere.
Meine Wenigkeit hat sich dem Theater-WS angeschlossen. Wir probten den ganzen Nachmittag unsere schauspielerischen Fähigkeiten, einigten uns auf eine Impro-Theater-Vorstellung und feilten an unseren Improvisationskompetenzen.
Als es beim Dinner an unserer Gruppe war, die Zeit zwischen den Menügängen zu überbrücken, mussten wir Schauspieler*innen den Raum verlassen, damit das Publikum sich für uns einen Rahmen, eine Figur und ein Ziel ausdenken konnte – der Witz: Wir wussten selbst nicht, wen, was oder wo das Gegenüber verkörperte.
Es entstanden Situationen wie die folgende:
Elsa aus Die Eiskönigin war auf einer Demo gegen rechts, um dort ihre große Liebe zu finden. Die andere Person war Gollum aus Der Herr der Ringe – auf der entsprechenden Gegendemonstration. Und er war dort, um alle davon zu überzeugen, dass Tauben ein von der Regierung programmiertes Überwachungswerkzeug sind.
Ihr könnt euch vorstellen, dass sich alle im Saal vor Lachen die Bäuche halten mussten – inklusive der Schauspielenden auf der Bühne.
Nach dem Abendprogramm ging es für alle runter zum See, wo wir kleine Walnussschalen mit Kerzen schwimmen lassen wollten.
Wir hatten über die Woche bestimmt an die 200 Schiffchen gebaut – aber leider sind sie aufgrund des Wetters immer abgesoffen, ohne dass eine wirklich romantische Atmosphäre entstehen konnte.
Freitag – Abschied und Wahl
Am Freitagmorgen haben die einzelnen Seminargruppen ihre Sprecher*innen gewählt. Jede Gruppe wählte drei Vertreter*innen – diese ca. 22 Menschen vertreten gemeinsam das FöJ in Schleswig-Holstein. Sie treffen sich auf LDKs (Landesdelegiertenkonferenzen), um ihre Arbeit zu koordinieren.
Diese Menschen sitzen in Ausschüssen, haben Stimmrecht und wählen intern die Vertreter*innen für die Bundesebene. Zu dieser politisch ehrenamtlichen Arbeit gehört noch viel mehr, aber das würde hier den Rahmen sprengen.
An dieser Stelle sei gesagt: Ich habe mich am Freitag aufstellen lassen – und wurde als Sprechi gewählt!
Somit werde ich auch über diese Arbeit immer wieder etwas zu erzählen haben.
Ich habe außerdem vor, mich bei der LDK für die Bundesebene aufstellen zu lassen. Es bleibt also spannend.
Nach den Wahlen am Freitag musste ich relativ schnell weg, da ich am nächsten Tag in Aachen, NRW, meinen Umzug beginnen würde. Und so schließt sich der Kreis...
Ich sitze im Zug vom Seminar nach Hause Richtung Aachen – und schreibe diesen Text.
Ein wirklich unfassbar schönes Erlebnis – und ich hoffe, dass die nächsten Seminare mindestens genauso schön werden.
Haiku der Woche
Fünf Tage wie Jahr –
im Kreis tanzt die Erinnerung,
Kerzen sinken still.





